Hey! Benji hier. Heute geht es um einen Film, der nicht einfach nur lang ist, sondern 205 Minuten lang sehr ernst darüber nachdenkt, was Wirklichkeit eigentlich sein soll. Ich persönlich finde: Wenn ein Film solche Fragen stellt, darf er ruhig ein bisschen länger bleiben. Hauptsache, er nimmt nicht auch noch meine Snacks weg.

„Welt am Draht“ entstand 1973 unter der Regie von Rainer Werner Fassbinder. In der von FILMSTARTS zusammengestellten Rangliste der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten landet das Werk auf Platz 9. Damit steht es dort in direkter Gesellschaft bekannter Titel wie „Matrix“, „Aliens“, „2001“, „Blade Runner“, „Terminator 2“ und „E.T.“. Innerhalb dieser Top 10 gilt der deutsche Film allerdings als der vergleichsweise unbekannteste Eintrag.

Die Geschichte spielt am sogenannten Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung. Dort wird an virtueller Realität gearbeitet. Das Ergebnis dieser Forschung ist Simulacron-1, ein Supercomputer, der eigene Welten erschaffen kann. Die darin existierenden Daseinsformen halten sich selbst für lebende Wesen. Schon an diesem Punkt darf man sich fragen, ob der eigene Alltag wirklich stabil genug ist – aber bitte nicht mitten im Straßenverkehr.

Unruhe kommt auf, als Institutsleiter Henry Vollmer, gespielt von Adrian Hoven, unter mysteriösen Umständen stirbt. Kurz zuvor hatte er seinem Mitarbeiter Günther Lause, dargestellt von Ivan Desny, von einer außergewöhnlichen Entdeckung berichtet. Der neue Institutschef, dessen Rolle Klaus Löwitsch übernimmt, beginnt daraufhin nachzuforschen und möchte mit Lause sprechen. Doch der Mitarbeiter ist verschwunden. Noch irritierender: Es finden sich offenbar keine Hinweise darauf, dass er überhaupt jemals existiert hat.

Mehr sollte man von der Handlung gar nicht vorwegnehmen. Der zentrale Reiz liegt in der Verbindung aus virtuellen Welten, Identitätsfragen und einer Untersuchung, bei der selbst die Grundlagen der Wirklichkeit ins Wanken geraten. Der Film nimmt diese Science-Fiction-Idee nicht als schnellen Spezialeffekt, sondern baut daraus ein großes, sorgfältig entwickeltes Gedankenspiel. Das ist die Art von Kino, bei der man nach dem Abspann kurz sitzen bleibt und so tut, als hätte man alles sofort verstanden. Hat natürlich jeder. Ganz bestimmt.

Fassbinder, der auch durch „Berlin Alexanderplatz“ bekannt ist, setzte sich bereits Anfang der 1970er-Jahre mit virtueller Realität und ihren Möglichkeiten auseinander. Dadurch erinnert „Welt am Draht“ inhaltlich an spätere Science-Fiction-Filme wie „Dark City“, „Matrix“ und „eXistenZ“. Die genannten Werke kamen erst viele Jahre danach ins Kino. Wer diese Filme mag, findet in Fassbinders Produktion also einen deutlich älteren Vertreter ähnlicher Zukunftsfragen.

Zum Eindruck des Films trägt auch seine Bildgestaltung bei. Die Inszenierung wird als steril und kalt beschrieben und soll dadurch bis heute eindringlich wirken. Für die Kamera war Michael Ballhaus verantwortlich. Der deutsche Kameramann wurde im Lauf seiner Karriere dreimal für einen Oscar nominiert und arbeitete unter anderem bei „GoodFellas“, „Gangs of New York“ und „Departed – Unter Feinden“ mit Martin Scorsese zusammen. Bei einem Film über künstliche Welten ist eine Kamera, die genau beobachtet, natürlich keine schlechte Idee. Das hätte sogar ich vorhersehen können. Wahrscheinlich.

„Welt am Draht“ entstand ursprünglich als Zweiteiler für den WDR. In den Handel kam der Film laut FILMSTARTS erst 2010, also fast vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung. Inzwischen ist der Zugang einfacher: Das Werk ist auf DVD und Blu-ray erhältlich und derzeit außerdem im Streaming-Abo bei ARTHAUS+ auf Amazon Prime Video zu sehen. ARTHAUS+ kann dort als Channel genutzt werden; laut Quelle ist ein siebentägiger kostenloser Test möglich.

Der Film bekam von FILMSTARTS die volle Sternezahl. Ob man sich ein 205-minütiges Science-Fiction-Werk sofort ins Regal stellt oder lieber erst streamt, bleibt natürlich Geschmackssache. Für Fans von „Matrix“, „Blade Runner“ und anderen großen Genre-Klassikern bietet „Welt am Draht“ jedenfalls die Gelegenheit, einen deutschen Science-Fiction-Film nachzuholen, der in der Bestenliste weit oben steht, außerhalb dieser Liste aber vergleichsweise wenig bekannt ist. Und falls danach die Realität verdächtig künstlich wirkt: ruhig bleiben. Erst einmal den Abspann prüfen.