Hey! Benji hier – und diesmal wird nicht einfach nur an der Uhr gedreht. Thilo Krapp schickt H. G. Wells’ berühmte Zukunftserzählung als farbige Graphic Novel ins Carlsen-Programm. Das Ergebnis ist keine bloße Bilderfassung eines Klassikers, sondern eine eigenständige Interpretation.
Krapp ist mit Wells’ Stoff nicht zum ersten Mal unterwegs. Seine Umsetzung von „Der Krieg der Welten“ erschien 2017 zunächst in Schwarzweiß und 2023 noch einmal in Farbe. Bei „Die Zeitmaschine“ geht er jedoch deutlich freier mit der Vorlage um. Wer eine möglichst eng am Original entlangmarschierende Adaption erwartet, sollte also besser keine literarische Leine ausmessen.
Schon früh fällt auf, dass die Comicfassung an mehreren Stellen anders wirkt, als man es aus einer Prosa-Version von Wells vielleicht erinnert. Diese Abweichungen werden im Verlauf sichtbarer. Sie erscheinen dabei nicht wie Nachlässigkeiten, sondern wie bewusste Entscheidungen, die Krapps eigene Lesart des Stoffes tragen.
Genau darin liegt der Reiz dieser Ausgabe: Die Vorlage wird nicht respektlos umgebaut, aber sie wird auch nicht unter einer Glasglocke aus viktorianischem Staub aufbewahrt. Krapp nutzt die Freiheit, bestimmte Elemente neu zu gewichten und daraus eine Erzählung zu formen, die als Comic auf eigenen Beinen steht. Das ist mutiger, als nur jedes Kapitel brav in Bilderkästchen zu parken – und vermutlich auch spannender.
Über die konkreten Veränderungen sollte man an dieser Stelle besser schweigen. Nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil die Entdeckungen zum Lesevergnügen gehören. Wer bereits weiß, welche Abzweigungen Krapp nimmt, bekommt weniger Gelegenheit, die Unterschiede selbst zu bemerken. Und Überraschungen sind bei einer Geschichte über Zeit schließlich keine schlechte Idee.
Besonders deutlich entfernt sich die Graphic Novel von der Vorstellung, hier lediglich eine nostalgische Steampunk-Reise durch ein altes London zu bekommen. „Die Zeitmaschine“ wird als zeitgemäße Annäherung an einen frühen Science-Fiction-Klassiker beschrieben. Die Bildgestaltung und die farbige Umsetzung unterstützen diesen eigenständigen Zugang.
Dabei bleibt es nicht allein bei Zukunftsideen und großen Fragen über Zeit. Krapps Fassung entwickelt laut vorliegender Besprechung auch eine eindringliche Liebesgeschichte. Diese emotionale Ebene gibt der Adaption zusätzliches Gewicht und erweitert den Stoff über das reine Abenteuer hinaus. Wells bekommt also nicht nur eine neue Maschine, sondern auch einen anderen Blick auf das, was Menschen aneinander bindet.
Mein Benji-Urteil: Wer eine exakte Kopie des Romans sucht, könnte über die künstlerischen Freiheiten erst einmal stolpern. Wer sich darauf einlässt, dass eine Graphic Novel ihren eigenen Weg durch bekanntes Material nimmt, findet hier eine moderne, farbige und klar eigenständige Wells-Adaption. Das war so geplant – nur das Ergebnis ist überraschend anders. Und diesmal klingt das ausnahmsweise nicht nach einer Ausrede.
💥 Comics
Thilo Krapp macht aus Wells’ Zeitreise eine eigene Graphic Novel
Mit „Die Zeitmaschine“ legt Thilo Krapp bei Carlsen eine farbige Graphic Novel nach H. G. Wells vor. Die Adaption hält respektvollen Abstand zum Original – und gewinnt gerade dadurch ein eigenes Profil.
